Warum du wahrscheinlich neurodivergente Menschen kennst, ohne es zu merken

Soziale Maskierung („Masking“) bei ADHS, Autismus und anderen Formen der Neurodivergenz

Stell dir vor, du musst jeden Tag eine unsichtbare Maske tragen, weil du dich gezwungen fühlst, jemand anderes zu sein, um „neurotypischer“ zu wirken.

Das ist Masking. Es ist der ständige Versuch von neurodivergenten Menschen, ihre Sprache und Verhaltensweisen zu modulieren, um nicht aufzufallen oder negativ wahrgenommen zu werden.

Dabei handelt es sich nicht um ein gelegentliches Verstellen, sondern eine dauerhafte, erschöpfende Anpassung, die von außen kaum wahrgenommen wird.

Masking ist eine Schutzstrategie, die viele Menschen mit ADHS, Autismus und anderen Formen der Neurodivergenz im Laufe ihres Lebens entwickeln, um in einer Gesellschaft zurechtzukommen, die ihre Unterschiede oft nicht akzeptiert. Viele der ADHS Symptome stimmen nicht mit gesellschaftlichen Erwartungen überein.

Aber was passiert, wenn Masking zu lange aufrechterhalten wird? Welche Auswirkungen hat es auf das eigene Wohlbefinden? Ist es sicher, Masking zu reduzieren oder ganz zu stoppen, und sich authentisch zu zeigen?

Warum unterdrücken viele neurodivergente Menschen ihr authentisches Selbst?

Masking ist nicht lediglich ein Verstellen – es ist ein ständiges Filtern und Kontrollieren von Verhaltensweisen, um nicht aufzufallen. Viele neurodivergente Menschen lernen früh, dass ihr authentisches Selbst nicht akzeptiert wird. 

Sie werden zurechtgewiesen, angestarrt oder ausgegrenzt, wenn sie zu direkt sprechen, ihren Mitmenschen nicht in die Augen schauen oder bestimmte Bewegungen ausführen, um sich zu beruhigen (Stimming). Also lernen sie, sich auf Kosten ihrer eigenen Energie und Identität anzupassen.

Menschen mit ADHS oder Autismus nehmen die Welt intensiver wahr, ihre Art zu denken und zu kommunizieren weicht oft von der neurotypischen Norm ab. ADHS Symptome bei Kindern sowie Erwachsenen werden beispielsweise oft als unhöflich, unkonzentriert oder übertrieben wahrgenommen. Dabei stellen sie eine Art zu sein dar, mit den gesellschaftlichen Normen kollidiert. Doch anstatt dass die Gesellschaft sich öffnet und Vielfalt akzeptiert, sehen neurodivergente Menschen sich gezwungen, sich anzupassen.

Masking oder soziale Anpassung – Wo liegt die Grenze?

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem bewussten Erlernen gesellschaftlicher Normen in verschiedenen sozialen Kontexten und dem Verbergen der eigenen Authentizität:

  • Masking ist nicht einfach „soziales Feingefühl“. Es bedeutet, neurodivergente Merkmale aktiv zu verbergen, um nicht negativ aufzufallen. Das kann das Zurückhalten von Bewegungen sein, das Erzwingen von Blickkontakt oder das ständige Überdenken und Neuformulieren seiner Äußerungen aus Angst, missverstanden zu werden.
  • Soziale Anpassung hingegen bedeutet, sich freiwillig auf Kontexte einzustellen, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Es ist der Unterschied zwischen „Ich wähle meine Worte bedacht, um klar zu kommunizieren“ und „Ich unterdrücke meine natürliche Sprechweise, weil ich sonst als unhöflich gelte“.

Masking entsteht nicht aus Höflichkeit, sondern als Reaktion auf wiederholte Ablehnung und Ausgrenzung. Das Bedürfnis, das wahrgenommene Anderssein zu verbergen, wird zu einer erheblichen Belastung.

Was passiert, wenn das Maskieren zu lange aufrechterhalten wird?

Masking ist anstrengend. Es bedeutet, sich den ganzen Tag zu überwachen, nachzudenken, wie man sich gibt, und dabei möglichst wenig aufzufallen. Die Folgen? Chronischer Stress, emotionale Erschöpfung und das schleichende Gefühl, dass man eigentlich gar nicht weiß, wer man ohne Masking ist.

Kurzfristige Effekte:

  • Selbstzweifel, Grübeln, dauerhaft begleitende Angstgefühle, Panikattacken oder Meltdowns, Gefühle von Hoffnungslosigkeit  
  • erhöhter Puls, Verspannungen und Kopfschmerzen bis hin zu völliger Erschöpfung die zu einem großen Bedarf an Erholungsschlaf führen kann

Langfristige Konsequenzen:

  • Burnout und Depression: Das ständige Verstellen ist auslaugend und raubt Energie
  • Soziale Isolation: Auch wenn Alleinsein, besonders für Menschen im Autismus-Spektrum, eine wertvolle Zeit der Erholung sein kann, werden häufige Rückzüge oder das Vermeiden von Kontaktaufnahmen von Außenstehenden oft missverstanden – was schließlich zu Kontaktabbrüchen führen kann.
  • Identitätsverlust: Das jahrelange Anpassen und Verbiegen untergräbt das Selbstwertgefühl, schafft eine innere Distanz zur eigenen Identität und kann ein Gefühl der inneren Leere hinterlassen.
  • Chronischer Stress: führt zu Schlafstörungen, schwächt das Immunsystem und erhöht das Risiko für stressbedingte körperliche Erkrankungen.
  • Autistisches Burnout (bei Autist*innen): Ein tiefgreifender, langanhaltender Erschöpfungszustand mit eingeschränkter Funktionsfähigkeit, der durch jahrelanges Maskieren verursacht wird.

Wie lässt sich erkennen, ob jemand maskiert?

Viele neurodivergente Menschen wissen selbst nicht, dass sie maskieren. Sie haben es so früh gelernt, dass es automatisch passiert.

Ein sicherer Raum und die Möglichkeit, sich ohne Masking zu zeigen, können sehr hilfreich sein. Frage die Person, was sie braucht, um sich authentischer und ohne Angst ausdrücken zu können.  

Neurodivergente Menschen fürchten oft zutiefst, missverstanden oder abgelehnt zu werden. Es kann auch die Angst unbeabsichtigt die Gefühle anderer zu verletzen, wenn sie ihre Worte nicht anpassen oder umformulieren dahinter stecken.

Symptome wie Impulsivität, innere Unruhe, Vergesslichkeit, Schwierigkeiten mit Zeitmanagement, Unaufmerksamkeit, Prokrastination und intensive emotionale Reaktionen können bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS zu Herausforderungen in Beziehungen führen. Sie werden oft missverstanden und als Unzuverlässigkeit, Desinteresse oder Reizbarkeit fehlinterpretiert.

Auch autistische Merkmale können soziale Konflikte begünstigen. Direktheit in Gesprächen, ausführliche Monologe über Spezialinteressen, plötzlicher Rückzug aufgrund von sensorischer Überlastung oder Erschöpfung sowie ungewohnte Mimik und Gestik können Irritation oder Unverständnis auslösen. Diese Verhaltensweisen sind nicht unhöflich gemeint, stoßen aber oft auf Ablehnung, weil sie nicht den gängigen sozialen Erwartungen entsprechen.

Folgende Fragen können dabei helfen, sich über Masking bewusst zu werden:

  • Verhältst du dich anders, wenn du mit Tieren zusammen bist oder allein?
  • Formulierst du deine Antwort auf Fragen automatisch um?
  • Überdenkst du deine Äußerungen viel und bist auch noch Tage oder Wochen später mit möglichen Auswirkungen beschäftigt?
  • Gibt es etwas, das du gerne teilen würdest, aber befürchtest, dass es dein Gegenüber verletzen, langweilen oder überwältigen könnte?

Diese Strategien helfen neurodivergenten Menschen weniger zu maskieren und sie selbst zu sein

Selbstwahrnehmung und Wissen  

  • Sich über Neurodivergenz zu informieren, hilft, frühere Erfahrungen neu einzuordnen und die Gründe für das Masking zu verstehen.  
  • Wer erkennt, wann und warum er maskiert, kann bewusster entscheiden, ob und in welchem Maß er es weiterhin tut.  
  • Das Identifizieren von äußeren Auslösern, das Erkennen energiezehrender Situationen und das Entwickeln von Strategien zur Anpassung oder Vermeidung kann dabei unterstützen.  

Schrittweises Demasking in sicheren Umgebungen 

  • Beginne damit, das Masking in vertrauensvollen Beziehungen, risikoarmen Situationen oder einem therapeutischen Rahmen zu reduzieren.  
  • Suche nach Umfeldern und Gemeinschaften, in denen Authentizität geschätzt wird und Akzeptanz gefördert wird.  

Emotionale Verarbeitung und Selbstmitgefühl 

  • Gemischte Gefühle wie Erleichterung, Angst, Unsicherheit oder Traurigkeit anzunehmen, ohne sich dafür zu verurteilen, ist wichtig.  
  • Vergangene Erfahrungen können neu betrachtet werden Maskieren war eine Überlebensstrategie, kein persönliches Versagen.  
  • Therapeutische Ansätze wie kognitive Verhaltenstherapie (CBT) oder körperorientierte Therapie können helfen, Ängste vor dem Demasking abzubauen und den authentischen Selbstausdruck zu stärken.  

Aufbau eines unterstützenden Netzwerks

  • Der Austausch mit anderen neurodivergenten Menschen schafft Verbundenheit und Verständnis.  
  • Online-Communitys, Selbsthilfegruppen oder neurodivergenzfreundliche Arbeitsplätze können ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln und Sicherheit bieten.  

Entwicklung von Selbstregulations- und Bewältigungsstrategien

  • Stimming und andere selbstregulierende Verhaltensweisen bewusst zuzulassen, trägt zur Regulation des Nervensystems bei.
  • Achtsamkeit, sensorische Selbstfürsorge, Anpassung der Umwelt und Co-Regulation mit vertrauten Personen können helfen, Stress zu bewältigen.
  • Realistische Erwartungen zu setzen und klare Grenzen zu ziehen, verringert den Druck, ständig maskieren zu müssen.

Masking als bewusstes Tool nutzen

  • Mit der Zeit kann sich das Maskieren von einer automatischen Reaktion zu einem gezielt eingesetzten Werkzeug wandeln.  
  • Es gibt keinen „richtigen“ Weg, jeder Mensch findet sein eigenes Gleichgewicht zwischen Authentizität und Anpassung.

Finde deinen eigenen Weg

Masking abzulegen und sich selbst authentisch zu leben, ist ein Prozess, der Zeit, Mut und die richtigen Strategien erfordert. Wenn du dich oder Angehörige in den beschriebenen Herausforderungen wiedererkennst und Unterstützung suchst, kann mein Coaching für ADHS und Neurodivergenz für dich hilfreich sein:

  • Deine eigenen Muster zu erkennen und bewusster mit Masking umzugehen
  • Gesunde Strategien für Selbstregulation und Stressbewältigung zu entwickeln
  • Mehr Selbstakzeptanz und Sicherheit im Umgang mit deiner Neurodivergenz zu gewinnen
  • Individuelle Lösungen für Alltag, Beruf und Beziehungen zu finden

*Hinweis: Die Übersetzung ins Englische wurde maschinell erstellt und kann Fehler enthalten.

Quellen
Demasking Autism, Devon Price, MD 

Bildquellen
Unsplash: Ich bedanke mich bei Tamara Gak
 und Wazaer Shadman-Apfo